Bundestakt
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Sitzung 21/70 · 15. April 2026

Was im Bundestag verhandelt wurde

Konfrontativanalysiert am 24. April 2026Original-PDF
Friedrich Merz war ja lauter als jede Warnsirene am Warntag. Und Friedrich Merz – ich will ehrlicherweise noch mal daran erinnern – hat dann angefangen, den Kanzler als Klempner zu verhohnepipeln. Ich habe nie verstanden, was an einem Klempner schlimm sein soll. Aber wenn man in diesem Sprachbild bleiben will, dann ist Friedrich Merz ein Klempner ohne Rohrzange.
Michael KellnerBÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Kellner kritisiert in der Aktuellen Stunde zur Energiepreiskrise die Reaktion der Großen Koalition auf die explodierenden Spritpreise. Er wirft CDU/CSU und SPD vor, nach zwei Tagen Koalitionsklausur lediglich einen Tankrabatt beschlossen zu haben – denselben Fehler, den sie der Vorgängerregierung einst vorwarfen.

Management Summary

Was du wissen musst

Bundestag, 15. April 2026 – Energiekrise, Mietrecht und Digitalpolitik unter Druck

Was passiert, wenn eine externe Krise – der Krieg im Iran und explodierende Spritpreise – auf eine Koalition trifft, die noch mitten im Aufbau ihrer eigenen Agenda steckt? Genau das war die Leitfrage dieser Sitzung, die sich zwischen Regierungsbefragung, einer hitzigen Aktuellen Stunde und einer Debatte über Wissenschaftsfreiheit abspielte.

Regierungsbefragung: Mietrecht, Gewaltschutz und Digitalisierung

Justizministerin Dr. Stefanie Hubig (SPD) stand im Mittelpunkt – gleich zu mehreren Themen. Sie verteidigte das in Ressortabstimmung befindliche digitale Gewaltschutzgesetz, das u. a. pornografische Deepfakes unter Strafe stellen soll, gegen wiederholte AfD-Versuche, einen Zusammenhang mit dem Fall einer Schauspielerin herzustellen. Zu den Mietpreisen räumte sie ein, dass die Mietpreisbremse allein nicht ausreiche – ein Gesetzentwurf mit Indexmietendeckel und schärferen Sanktionen soll noch im April ins Kabinett. Digitalminister Dr. Karsten Wildberger (CDU/CSU) berichtete nach elf Monaten BMDS über die geplante EUDI-Wallet ab Januar 2027, die Deutschland-App und die erste nationale Rechenzentrumsstrategie. Grüne Abgeordnete bohrten wiederholt nach konkreten Zeitplänen für digitale Souveränität und Open-Source-Umstieg.

Aktuelle Stunde: Tankrabatt und Energiepreiskrise

Die Debatte über die explodierenden Spritpreise infolge des Iran-Kriegs war der emotionalste Teil des Tages. Michael Kellner (Grüne) demontierte den beschlossenen Tankrabatt als alten Fehler neu aufgewärmt und forderte stattdessen Tempolimit und Stromsteuersenkung. Dr. Andreas Lenz (CDU/CSU) verteidigte die Maßnahme als pragmatische Krisenreaktion. Frauke Heiligenstadt (SPD) betonte, Wirksamkeit gehe vor Perfektion, mahnte aber zugleich Kontrollen gegen Mitnahmeeffekte der Konzerne an. Janine Wissler (Die Linke) verlangte eine Übergewinnsteuer und nannte die Wirtschaftsministerin Katharina Reiche einen „Schutzpatron der Mineralölkonzerne".

AfD-Antrag: Wissenschaftsfreiheit

Die AfD brachte einen Antrag zur Wissenschafts- und Meinungsfreiheit ein – und erntete parteiübergreifenden Widerspruch. Dr. Hans Theiss (CDU/CSU) und Oliver Kaczmarek (SPD) warfen der AfD vor, selbst die größte Bedrohung für freie Forschung zu sein, und verwiesen auf AfD-Haushaltsforderungen, die Milliardenkürzungen bei Klima- und Sozialwissenschaften vorsehen.

Stimmung der Debatte

Wie wurde diskutiert?

Konstruktiv

Die Debatte war überwiegend sachlich und lösungsorientiert.

Kontrovers

Die Positionen gingen deutlich auseinander – es wurde leidenschaftlich diskutiert.

Konfrontativ

Die Debatte war von scharfen Auseinandersetzungen und persönlichen Angriffen geprägt.

Einordnung dieser Sitzung

Die Sitzung war geprägt von scharfen persönlichen Angriffen: AfD-Abgeordnete unterstellten Justizministerin Hubig, mit Gewalt gegen Frauen 'mit schuld' zu sein, und wurden dafür mit parteiübergreifendem Applaus zurückgewiesen. Die Wissenschaftsfreiheitsdebatte eskalierte zu gegenseitigen Vorwürfen von Zensur und Extremismus. Konstruktive Phasen gab es in der Regierungsbefragung zu Digitalpolitik und Mietrecht, doch die AfD-Interventionen sorgten wiederholt für Eskalation.

Die wichtigsten Themen

Worum es wirklich ging

01

Digitales Gewaltschutzgesetz

Hintergrund

Justizministerin Hubig hat einen umfangreichen Gesetzentwurf zum Schutz vor digitaler Gewalt in die Ressortabstimmung gegeben. Er soll u. a. pornografische Deepfakes, das Verbreiten von Vergewaltigungsvideos und voyeuristische Aufnahmen unter Strafe stellen. Plattformen sollen auf richterliche Anordnung hin Auskunft über Account-Inhaber geben und Accounts sperren müssen. Der Entwurf hat rund 200 Seiten und wurde laut Hubig über Monate erarbeitet.

Was heißt das für dich?

Digitale Gewalt trifft vor allem junge Menschen: Deepfakes, Stalking über Social Media und das Verbreiten von Nacktbildern ohne Zustimmung sind in der Altersgruppe 18–30 besonders verbreitet. Das Gesetz würde erstmals klare Straftatbestände schaffen und Betroffenen erleichtern, sich gegen solche Übergriffe zu wehren – auch ohne monatelange Gerichtsverfahren. Wer auf Plattformen wie Instagram oder Telegram belästigt wird, könnte künftig leichter Accounts sperren lassen.

Positionen der Parteien(5)Anzeigen
CDU/CSU

Unterstützt das Vorhaben grundsätzlich, hatte das Thema bereits in der Vorgängerregierung angestoßen. Koalitionsintern ist das Gesetz Teil des vereinbarten Koalitionsvertrags.

SPD

Hubig sieht das Gesetz als lange überfällig und betont, es sei unabhängig von Einzelfällen entstanden. Es soll sowohl strafrechtliche als auch zivilrechtliche Schutzinstrumente kombinieren.

Digitale Gewalt kann so brutal sein wie physische Gewalt, wie physische sexuelle Gewalt."
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Begrüßt das Gesetz, kritisiert aber, dass die Regierung beim Gebäudeenergiegesetz parallel Maßnahmen plant, die Mieterinnen und Mieter bei Heizkosten belasten – ein inhaltlich verwandter Schutzaspekt, den Hubig aus Grünen-Sicht vernachlässigt.

AfD

Stellt wiederholt suggestive Fragen, ob das Gesetz im Zusammenhang mit einem prominenten Einzelfall entstanden sei, und versucht, den Schutzfokus auf kulturellen Hintergrund von Tätern zu lenken.

Niemals wird auf den kulturellen Hintergrund der Täter eingegangen."
Die Linke

Unterstützt das Ziel, fordert aber parallel eine Stärkung des Konsensprinzips ('Nur Ja heißt Ja') im Sexualstrafrecht für alle Erwachsenen, nicht nur Jugendliche.

02

Explodierende Mieten – was tut die Regierung?

Hintergrund

Laut einer Anfrage von Die Linke sind die Mieten in deutschen Städten in den letzten zehn Jahren massiv gestiegen – in Berlin und Leipzig um fast 70 Prozent, in Hamburg um über 40 Prozent. Die Mietpreisbremse gilt, hat aber offenbar nur begrenzte Wirkung. Hubig plant ein Mietenpaket mit Indexmietendeckel (max. 3,5 Prozent), schärferen Sanktionen bei Verstößen und Maßnahmen gegen möbliertes Wohnen als Umgehungsstrategie. Der Gesetzentwurf soll noch im April ins Kabinett.

Was heißt das für dich?

Wer gerade in eine Stadt zieht – zum Studium, zur Ausbildung oder zum ersten Job – zahlt in vielen deutschen Großstädten Mieten, die vor zehn Jahren noch undenkbar waren. Das trifft junge Menschen überproportional, da sie häufig auf den freien Mietmarkt angewiesen sind und keine günstigen Altmietverträge haben. Steigende Gewerbemieten bedrohen zudem Cafés, Arztpraxen und andere Nahversorgungsangebote in den Kiezen.

Positionen der Parteien(5)Anzeigen
CDU/CSU

Unterstützt das Mietenpaket grundsätzlich als Koalitionspartner, setzt aber stärker auf Bauen als Lösung. Fragt im Kontext Bürokratieabbau auch nach Vereinfachungen beim Bauen (Gebäudetyp E).

SPD

Sieht sich als treibende Kraft für Mieterschutz. Plant Indexmietendeckel, schärfere Mietpreisbremse mit Bußgeldern und Maßnahmen gegen Mietwucher. Betont aber: Ohne mehr Neubau lassen sich Mietpreise langfristig nicht senken.

Wir wollen eine Deckelung bei 3,5 Prozent."
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Fordert zusätzlich einen fünfjährigen Ausschluss von Eigenbedarfskündigungen nach erfolgreicher Mietpreisbremsen-Durchsetzung. Kritisiert, dass die Regierung beim Gebäudeenergiegesetz Gasheizungen zementiert und damit die Heizkosten für Mieter weiter steigen.

Wie wollen Sie die Mieterinnen und Mieter vor diesem 'Heizhammer' schützen?"
AfD

Verteidigt Indexmietverträge als 'fairste Vereinbarung' und kritisiert die geplante Deckelung als einseitige Benachteiligung von Vermietern.

Warum wollen Sie die Vermieter einseitig mit der Inflation belasten?"
Die Linke

Fordert wirksame Sanktionen bei Mietrechtsverstößen, Schutz vor fingierten Eigenbedarfskündigungen und konkrete Maßnahmen gegen das massenhafte Unterlaufen der Mietpreisbremse. Sieht die bisherigen Maßnahmen als wirkungslos.

Das trotz der Mietpreisbremse, die im gleichen Zeitraum galt, die Sie lediglich verlängert, aber nicht nachgebessert haben."
03

Tankrabatt und Energiepreiskrise

Hintergrund

Der Krieg im Iran hat die globalen Ölpreise in die Höhe getrieben und trifft Deutschland mit massiven Spritpreisanstiegen. Die Koalition hat nach einem Koalitionsausschuss eine temporäre Senkung der Energiesteuer (ca. 17 Cent pro Liter Diesel und Benzin) beschlossen, die ab 1. Mai gelten soll. Parallel soll die Tabaksteuer erhöht werden. Gegenfinanzierung und Wirksamkeit sind umstritten; das Bundeskartellamt hat Fehlfunktionen im Wettbewerb der Mineralölkonzerne festgestellt.

Was heißt das für dich?

Wer mit dem Auto zur Arbeit oder Ausbildung pendelt, hat die gestiegenen Preise direkt im Geldbeutel gespürt. Gleichzeitig trifft steigende Inflation, die durch hohe Energiepreise befeuert wird, alle – auch Leute ohne Auto, über steigende Preise für Lebensmittel und andere Waren. Die Frage, wer die Kosten der Krise trägt und ob der Staat dabei die Richtigen entlastet, ist hochpolitisch.

Positionen der Parteien(5)Anzeigen
CDU/CSU

Verteidigt die Energiesteuersenkung als pragmatische Krisenreaktion. Betont, der Staat zeige Handlungsfähigkeit und wolle durch Beweislastumkehr sicherstellen, dass die Entlastung bei Verbrauchern ankommt.

Ein Preisdeckel ist mit die dümmste Idee, die man jetzt umsetzen könnte."
SPD

Unterstützt den Tankrabatt als schnelle Entlastungsmaßnahme, fordert aber gleichzeitig konsequente Kontrollen gegen Mitnahmeeffekte der Konzerne und setzt sich für eine Übergewinnsteuer ein.

Wirksamkeit geht vor Perfektion."
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Kritisiert den Tankrabatt als Wiederholung alter Fehler und Geschenk an Mineralölkonzerne. Fordert stattdessen Stromsteuersenkung, Tempolimit und ein vergünstigtes ÖPNV-Ticket, um echte Unabhängigkeit von fossilen Energien zu schaffen.

Dann ist Friedrich Merz ein Klempner ohne Rohrzange."
AfD

Fordert massivere Steuersenkungen, Abschaffung der CO2-Steuer und die Wiederaufnahme russischer Energielieferungen durch Beendigung der EU-Sanktionen.

Massive Steuersenkungen jetzt und nicht nur in homöopathischen Dosen."
Die Linke

Hält den Tankrabatt für sozial ungerecht, weil er nur Autofahrenden zugute kommt. Fordert Übergewinnsteuer, Direktauszahlungen und ein günstiges ÖPNV-Ticket. Fordert Entlassung von Wirtschaftsministerin Reiche.

Reiche agiert als Schutzpatronin der Mineralölkonzerne, als heilige Katharina der Zapfsäulen."

Themenfokus & Konfrontation

Wer blieb beim Thema – wer griff an?

Eine KI-Einordnung, wie konsequent die Fraktionen beim eigentlichen Thema geblieben sind – und wie konfrontativ sie dabei gegenüber anderen aufgetreten sind.

Skala 1–10 · Themenfokus: 10 = voll beim Thema, 1 = vom Thema abgewichen · Konfrontation: 1 = konstruktiv, 10 = maximal konfrontativ

CDU/CSU
Themenfokus 8Konfrontation 4

CDU/CSU-Redner blieben in der Regierungsbefragung nah am Thema und präsentierten die Regierungsarbeit sachlich. In der Wissenschaftsdebatte wurde die AfD scharf, aber überwiegend argumentativ angegriffen.

SPD
Themenfokus 7Konfrontation 4

Hubig und andere SPD-Redner verteidigten Regierungspositionen inhaltlich stark, nutzten aber teils die AfD-Provokationen als Bühne für parteipolitische Klarstellungen, was gelegentlich vom eigentlichen Thema ablenkte.

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Themenfokus 8Konfrontation 5

Die Grünen bohrten konsequent nach konkreten Maßnahmen zu Digitalsouveränität, Mietrecht und Energiepolitik. Kellners Rede zur Energiekrise war pointiert und konfrontativ, aber sachbezogen.

AfD
Themenfokus 4Konfrontation 9

AfD-Abgeordnete nutzten Fragezeiten systematisch für politisch aufgeladene Unterstellungen – etwa die Behauptung, Hubig sei an Gewalt gegen Frauen mitschuldig – und für migrationspolitische Rahmungen sachfremder Fragen. Themenfokus war deutlich nachrangig.

Die Linke
Themenfokus 8Konfrontation 6

Die Linke blieb in Mietrechts- und Energiefragen nah am Thema und stellte präzise Nachfragen. Wisslers Rede zur Energiekrise war rhetorisch scharf, aber inhaltlich klar positioniert.