Sitzung 21/72 · 17. April 2026
Was im Bundestag verhandelt wurde
Wer den Krebs besiegt hat, darf nicht ein Leben lang von ihm verfolgt werden. Wer den Krebs besiegt hat, der verdient Unterstützung.
Wegge sprach in der Debatte über das neue Verbraucherkreditgesetz und verteidigte die begleitende Entschließung für ein 'Recht auf Vergessen' für Krebsüberlebende, die bei Versicherungen und Krediten jahrelang benachteiligt werden – obwohl sie längst als geheilt gelten.
Management Summary
Was du wissen musst
Bundestag, 17. April 2026 – Verbraucherschutz, Ernährungssicherheit und Krieg im Nahen Osten
Drei Themen dominierten den Sitzungstag: ein neues Gesetz zum Schutz vor Schulden, ein hitziger Streit über die Zukunft der Landwirtschaft – und eine ernste Debatte über den Krieg im Libanon.
Gesetzentwurf: Verbraucherkreditrichtlinie und Recht auf Vergessen
Die Koalition aus CDU/CSU und SPD verabschiedete die Umsetzung der EU-Verbraucherkreditrichtlinie. Das Gesetz regelt unter anderem schärfere Kreditwürdigkeitsprüfungen, strengere Regeln für „Buy now, pay later"-Dienste und mehr Schutz bei Dispokrediten. Nadine Heselhaus (SPD) und Susanne Hierl (CDU/CSU) warben gemeinsam für das Gesetz. Eine begleitende Entschließung fordert die Regierung auf, ein „Recht auf Vergessen" für Krebsüberlebende gesetzlich zu verankern – sie sollen bei Versicherungen und Kreditanträgen nicht mehr dauerhaft benachteiligt werden. Adis Ahmetovic (SPD) sprach als Krebsüberlebender persönlich zu dem Thema und erhielt fraktionsübergreifenden Applaus. BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN lehnten das Gesetz ab – zu viele Schutzlücken, etwa bei Kleinstkrediten und beim Verzicht auf die Schriftform bei Onlinekrediten. Auch ein per Änderungsantrag eingefügter Passus zur E-Auto-Förderung sorgte für scharfe Kritik: Dr. Till Steffen (Grüne) nannte die Regelung fachfremd, klimapolitisch inkonsequent und sozial unausgewogen. Die AfD lehnte den Gesetzentwurf ab.
AfD-Anträge: Ernährungssicherheit und Gartenbau
Im zweiten großen Block diskutierte das Parlament vier Anträge der AfD zu Ernährungssicherheit, Düngemitteln und CO2-Abgaben im Gartenbau. Der Kontext: Der Krieg am Persischen Golf lässt Energie- und Düngerpreise steigen. Hermann Färber (CDU/CSU) und Dr. Franziska Kersten (SPD) erkannten die Problemlage an, lehnten die Anträge aber als zu pauschal ab. Dr. Ophelia Nick (Grüne) und Karl Bär (Grüne) plädierten für Resilienz durch Kreislaufwirtschaft und erneuerbare Energien statt für Subventionierung fossiler Energie. Die Linke forderte eine soziale und ökologische Agrarwende.
Aktuelle Stunde: Lage im Libanon
Die Aktuelle Stunde galt dem Krieg im Libanon. Eine kurzfristige Waffenruhe hatte kaum gehalten. Alle Fraktionen betonten die humanitäre Katastrophe und die Notwendigkeit, die Hisbollah zu entwaffnen. Strittig war der Weg: SPD und Grüne kritisierten das israelische Vorgehen als unverhältnismäßig und völkerrechtswidrig; CDU/CSU verteidigte Israels Recht auf Selbstverteidigung, mahnte aber ebenfalls zur Verhältnismäßigkeit. Die Linke forderte das Ende aller Waffenexporte und lehnte einen deutschen Militäreinsatz in der Straße von Hormus kategorisch ab.
Stimmung der Debatte
Wie wurde diskutiert?
Die Debatte war überwiegend sachlich und lösungsorientiert.
Die Positionen gingen deutlich auseinander – es wurde leidenschaftlich diskutiert.
Die Debatte war von scharfen Auseinandersetzungen und persönlichen Angriffen geprägt.
Einordnung dieser Sitzung
Die Sitzung verlief in Teilen sachlich und kooperativ – etwa bei der gemeinsamen Verabschiedung des Verbraucherkreditgesetzes durch CDU/CSU und SPD sowie beim parteiübergreifenden Applaus für Ahmetovics Rede über das Recht auf Vergessen für Krebsüberlebende. Gleichzeitig gab es scharfe Auseinandersetzungen: Die Grünen warfen der Koalition vor, mit der E-Auto-Förderung den Bundestag 'zu veräppeln', AfD-Redner griffen Bildungssystem und Staatsgläubigkeit der anderen Fraktionen frontal an, und in der Libanon-Debatte prallten grundlegend unterschiedliche Positionen zur Nahostpolitik und zu Waffenexporten aufeinander.
Die wichtigsten Themen
Worum es wirklich ging
Schuldenfalle per Klick: Neues Kreditgesetz soll schützen
Hintergrund
Deutschland setzt die EU-Verbraucherkreditrichtlinie um, die eigentlich schon zum 20. November 2025 hätte gelten sollen. Das Gesetz regelt erstmals auch digitale Kleinkredite und 'Buy now, pay later'-Modelle wie Klarna oder Paypal. Banken und Anbieter müssen künftig genauer prüfen, ob Kunden einen Kredit überhaupt zurückzahlen können. Außerdem stärkt das Gesetz Schuldnerberatungsstellen und schützt Verbraucher bei Dispokrediten. Eine begleitende Entschließung fordert ein gesetzliches 'Recht auf Vergessen' für Krebsüberlebende, die bei Versicherungen und Kreditvergaben heute noch jahrelang benachteiligt werden.
Was heißt das für dich?
Laut einer BaFin-Studie ist jeder vierte junge Mensch von 'Buy now, pay later'-Schulden betroffen. Wer heute auf Instagram shoppt und mit Klarna zahlt, kann schnell den Überblick verlieren – aus 4,90 Euro offener Rechnung werden durch Mahngebühren über 34 Euro. Jeder fünfte Mensch unter 30 hat inzwischen Schulden. Das neue Gesetz soll genau diese Falle schließen und sorgt dafür, dass Anbieter nicht mehr leichtfertig Kredite vergeben dürfen.
Positionen der Parteien(5)AnzeigenSchließen
Befürwortet das Gesetz als ausgewogenen Verbraucherschutz ohne Bevormundung. Setzt sich dafür ein, dass der in Deutschland beliebte 'Kauf auf Rechnung' erhalten bleibt und kein überschießendes nationales Gold-Plating entsteht. Unterstützt die Entschließung zum Recht auf Vergessen für Krebsüberlebende.
„Wer im Jahr 2026 noch an der Schriftform festhält, hat die digitale Realität schlicht nicht verstanden."
Treibende Kraft hinter dem Gesetz. Betont den Schutz vor Schuldenfallen, stärkere Schuldnerberatung und das Recht auf faire Rückzahlungsraten. Setzt sich besonders für das Recht auf Vergessen für Krebsüberlebende ein – Abgeordneter Ahmetovic sprach als Betroffener.
„Hinter jedem Kredit steht kein abstrakter Vorgang – dahinter steht jedes Mal ein Mensch."
Lehnt das Gesetz trotz Zustimmung zu den Zielen ab. Kritisiert zu viele Schutzlücken: Kleinstkredite werden weiter zu lasch geprüft, Debitkarten wurden aus der Regelung herausgenommen, und der Verzicht auf die Schriftform bei Onlinekrediten öffne Betrug Tür und Tor.
„Ein Mausklick also reicht, und der Kredit ist abgeschlossen. Das lädt doch regelrecht zum Betrug ein."
Lehnt das Gesetz ab. Kritisiert schlechten Gesetzgebungsstil, unverständliche Texte durch EU-Richtlinienübernahme und fehlende Adressierung der Grundursachen von Überschuldung wie Bildungsmängeln.
Sieht das Gesetz als unzureichend. Kritisiert, dass es auf formale Anforderungen setzt, aber strukturelle Ursachen von Überschuldung – steigende Kosten, unsichere Einkommen – nicht angeht. Fordert ein wirksames Widerrufsrecht und Transparenz bei Scoringsystemen.
Hunger oder Überregulierung? Streit um die Zukunft der Landwirtschaft
Hintergrund
Der Krieg am Persischen Golf lässt die Preise für Diesel und Düngemittel explodieren. Stickstoffdünger kostete zuletzt über 750 Euro pro Tonne – fast doppelt so viel wie vor der Eskalation. Gleichzeitig ist die Blockade der Straße von Hormus ein strategisches Problem: Ein Drittel des weltweiten Düngers wird darüber transportiert. Die AfD brachte vier Anträge ein, die unter anderem die Aussetzung der CO2-Abgabe, mehr Ackerland und weniger Bürokratie für Landwirte fordern. Alle anderen Fraktionen lehnten die Anträge ab, erkannten aber die realen Probleme an.
Was heißt das für dich?
Lebensmittel werden teurer – das merken alle beim Einkaufen. Wenn heimische Betriebe schließen, wächst die Abhängigkeit von Importen, was Preise und Versorgungssicherheit gefährdet. Gleichzeitig ist die Frage, wie wir Klima- und Naturschutz mit bezahlbarem Essen vereinbaren, eine der zentralen Fragen für die nächsten Jahrzehnte. Wer jetzt Agrarpolitik macht, entscheidet, was in 20 Jahren auf dem Teller landet.
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Erkennt die Problemlage bei Energiepreisen und Bürokratie an, lehnt die AfD-Anträge aber als zu pauschal ab. Setzt auf konkrete Einzelmaßnahmen wie Agrardiesel-Rückerstattung und Forschungsförderung für energieeffiziente Gewächshäuser. Will Ökonomie und Ökologie zusammendenken.
Betont die geopolitischen Ursachen des Preisanstiegs und verteidigt erste Entlastungsmaßnahmen wie die 17-Cent-Senkung der Energiesteuer auf Kraftstoffe. Sieht dauerhaften Frieden am Persischen Golf als wirksamsten Hebel. Tritt für tierwohlgerechten Stallbau und verlässliche Unterstützung der Landwirtschaft ein.
Plädiert für Resilienz durch Kreislaufwirtschaft: weniger Kunstdünger, mehr Biobetriebe, erneuerbare Energien auf Höfen. Kritisiert, dass die Regierung statt auf Unabhängigkeit auf Subventionierung fossiler Energie setzt. Fordert, die Landwirtschaft zukunftsfest zu machen statt auf kurzfristige Entlastungen zu setzen.
„Wer nur Krisen beschwört, ohne Lösungen anzubieten, hilft keinem einzigen Hof in diesem Land!"
Fordert sofortige Aussetzung der CO2-Bepreisung, mehr Anbauflächen durch Abbau von Umweltauflagen und günstigere Düngemittelimporte auch aus Russland. Sieht übermäßige Regulierung als Hauptursache für das Höfesterben.
„Essen ist nämlich ein Stück Freiheit der Nation."
Fordert eine soziale und ökologische Agrarwende: regionale Wertschöpfungsketten, gerechte Bodenverteilung, Begrenzung der Marktmacht von Handelskonzernen und bessere soziale Absicherung für Landwirtinnen und Landwirte.
Krieg im Libanon: Was kann Deutschland tun?
Hintergrund
Seit Ende Februar 2026 hat sich der Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon massiv verschärft. Über eine Million Menschen sind innerhalb des Libanons auf der Flucht, ganze Regionen im Süden sind entvölkert. Eine kurzfristig angekündigte Waffenruhe hielt nur wenige Stunden. Der Bundestag debattierte in einer Aktuellen Stunde über die humanitäre Lage, die Rolle Deutschlands und die Frage, wie eine dauerhafte Stabilisierung gelingen kann. Dabei geht es auch um die Zukunft der UN-Mission UNIFIL, die israelische Militärstrategie und den Einfluss des Iran über die Hisbollah.
Was heißt das für dich?
Nahostkriege klingen weit weg, sind es aber nicht: Sie treiben die Energiepreise hoch, die ihr täglich spürt. Sie können Fluchtbewegungen auslösen, die Europa und Deutschland direkt betreffen. Und die Frage, ob Deutschland Waffen liefert, sich an Militäreinsätzen in der Straße von Hormus beteiligt oder auf Diplomatie setzt, wird von eurer Generation mitgetragen – durch Steuern, durch Bundeswehr und durch die Welt, in der ihr leben werdet.
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Unterstützt Israels Recht auf Selbstverteidigung, mahnt aber zur Verhältnismäßigkeit. Sieht in der Entwaffnung der Hisbollah das zentrale Ziel und will den libanesischen Staat stärken – finanziell und politisch, aber mit klaren Bedingungen. Begrüßt direkte Verhandlungen zwischen Israel und dem Libanon als historische Chance.
Bezeichnet die Angriffe Israels als unverhältnismäßig und völkerrechtswidrig. Betont, dass militärische Gewalt allein die Hisbollah-Idee nicht besiegt. Fordert eine echte Waffenruhe, internationale Geschlossenheit und setzt auf Entwicklungszusammenarbeit als Friedenspolitik.
„Die von Donald Trump und Benjamin Netanjahu verantworteten Angriffe sind nicht nur unverhältnismäßig, sondern sie sind auch völkerrechtswidrig."
Kritisiert das Ende von UNIFIL als Fehler und wirft der Bundesregierung vor, dem amerikanischen und israelischen Druck zu wenig Widerstand entgegenzusetzen. Warnt vor einer Destabilisierung des Libanon und einem möglichen Bürgerkrieg. Lehnt deutsche Militärbeteiligung in der Straße von Hormus ab, sofern sie andere NATO-Verpflichtungen gefährdet.
Betont Israels Recht auf Selbstverteidigung und die Verantwortung der Hisbollah als Terrororganisation. Fordert eine neue robuste UN-Mission zur Stärkung der libanesischen Regierung. Mahnt gleichzeitig, dass Strategien der maximalen Zerstörung langfristig neue Instabilität schaffen.
Lehnt Waffenexporte nach Israel, einen deutschen Militäreinsatz in der Straße von Hormus und die Bereitstellung von US-Basen für völkerrechtswidrige Kriege kategorisch ab. Fordert konsequente Diplomatie, Verteidigung des Völkerrechts und Investitionen in sozialen Zusammenhalt statt Aufrüstung.
Themenfokus & Konfrontation
Wer blieb beim Thema – wer griff an?
Eine KI-Einordnung, wie konsequent die Fraktionen beim eigentlichen Thema geblieben sind – und wie konfrontativ sie dabei gegenüber anderen aufgetreten sind.
Skala 1–10 · Themenfokus: 10 = voll beim Thema, 1 = vom Thema abgewichen · Konfrontation: 1 = konstruktiv, 10 = maximal konfrontativ
CDU/CSU-Redner blieben weitgehend beim Thema und argumentierten sachlich für ihre Positionen. Gelegentliche Seitenhiebe gegen Grüne und AfD blieben im Rahmen – etwa Körners Abrechnung mit allen Oppositionsfraktionen am Ende der Kreditdebatte.
Die SPD fokussierte sich auf die inhaltlichen Themen und lieferte starke persönliche Beiträge – besonders Ahmetovics Rede über seine eigene Krebserkrankung. Konstruktive Zusammenarbeit mit der Union wurde mehrfach betont, Angriffe auf die Opposition blieben moderat.
Die Grünen blieben thematisch fokussiert, aber traten merklich konfrontativer auf als die Koalition: Steffen warf CDU/CSU und SPD vor, den Bundestag 'zu veräppeln', Bär schloss seine Rede mit der Forderung nach einem AfD-Verbot. Die Kritik war inhaltlich fundiert, aber in der Schärfe bewusst zuspitzend.
AfD-Redner nutzten die Redezeit häufig für grundsätzliche Systemkritik, Angriffe auf andere Fraktionen und parteistrategische Botschaften – von Gottschalks Wahlkampfappell bis zu Brandners Kritik an Omnibusgesetzen ohne inhaltliche Substanz. Schuhmanns Rede eskalierte in persönliche Verbalattacken im Plenum.
Die Linke argumentierte themenah und brachte konkrete Forderungen ein – etwa zur Schuldnerberatung oder zum Gesundheitssystem. Der Ton war klar und kritisch gegenüber der Regierung, aber überwiegend sachbezogen. Gürpinars Kurzintervention war pointiert, blieb aber konstruktiv.
